Baskenland: Bosque de Oma – Kunst trifft Natur
Baskenland: Bosque de Oma – Kunst trifft Natur

24. Juli 2025

Baskenland: Bosque de Oma – Kunst trifft Natur

Ohne Kenntnis der Gegebenheiten oder Hintergründe könnten Kritiker einwenden: Warum ist es Kunst, die Schönheit der Natur zu verschandeln? Dem halten Befürworter entgegen, dass es sich bei dem bemalten Wald von Oma um einen Geniestreich und eine einzigartige Symbiose aus Kunst und Natur handelt.

Vorab verlangt die Begrifflichkeit nach Aufklärung. „Oma“ ist für Deutschsprachige ein absoluter Namenszufall. So heißt ein Tal in der Gemeinde Kortezubi nordöstlich von Gernika, auf Deutsch hingegen – wie wir wissen – die Großmutter.

Hinter alledem stand ein Mann, ein begnadeter Künstler. Das Projekt des bemalten Walds von Oma basiert auf dem Basken Agustín Ibarrola (1930-2023). Ursprünglich breitete sich der Kunst-Wald an anderer Stelle in der Nähe aus. Dann erkrankten die Bäume – und mit ihnen verfiel die Kunst. Bis Ende 2023 entstand eine Neuversion des bemalten Walds. Dabei hielt sich das interdisziplinäre Künstler- und Expertenteam strikt an die Vorlagen von Ibarrola, der 1982 unweit seines Landhauses begonnen hatte, Baumstämme zu bemalen.

Horizontale Linien, der Empfang im bemalten Wald von Oma. Foto von Andreas Drouve und Ana Drouve

Der bemalte Wald ist keine x-beliebige Pinselei, sondern ein ausgeklügeltes Spiel aus Farben, Formen, Perspektiven und Botschaften: die Vegetation und Landschaft als Primärmaterial, Rahmen, Hintergrund. Ein Rundgang führt zu 34 thematischen Ensembles, bestehend aus über 800 bemalten Bäumen. Manche Motive ziehen sich über mehrere Baumstämme. Da muss man den Blick schärfen, zurücktreten, innehalten. Erst dann erschließt sich das Aha-Erlebnis und eine einzigartige Faszination.

Ein Fisch im bemalten Wald. Foto von Andreas Drouve und Ana Drouve

Der Maler und Bildhauer Ibarrola hatte stets seinen eigenen Kopf. Typisch Baske, mag man meinen. Er scherte sich nie um Moden oder Konventionen. Künstler wollte Ibarrola, der aus einer Arbeiterfamilie stammte, von klein auf werden. Mit elf Jahren, als er nach Ende des Spanischen Bürgerkriegs auf einem Gehöft arbeiten und zum Familienunterhalt beitragen musste, habe er in seiner spärlichen Freizeit immer gezeichnet. Und zwar mit Stücken von alten Dachziegeln, „mein Eselchen, die Ziegen, ein Flugzeug am Himmel“, erzählte er dem Autor dieses Buches einmal in einem Interview. Mit 18 Jahren bestritt er in Bilbao eine erste Ausstellung, wurde beeinflusst vom Kubismus und dem Maler Daniel Vázquez Díaz (1882-1969), dessen Schüler er wurde. Eines Tages, so Ibarrola, sagte Lehrmeister Díaz zu ihm: „Verdammt, du malst ja besser als ich!“

In Paris zählte Agustín Ibarrola im Jahr 1957 zu den Begründern der spanischen Künstlergruppe 57, die sich einem abstrakten geometrischen Stil verschrieb, der Ibarrolas Arbeiten fortan kennzeichnete. In Deutschland steht seine Skulpturengruppe „Totems“ auf der Halde Haniel bei Bottrop im Ruhrgebiet.

Manche der Baumkunstwerke sind meterhoch. Foto von Andreas Drouve und Ana Drouve

Ibarrolas Schicksal war es, in Spanien in unruhigen Zeiten gelebt zu haben. Dabei verteidigte er, ein Unbequemer, ein Aufbegehrer, immer nachdrücklich seine Gesinnung: gegen alle Widerstände, mit Mut und jedweder Konsequenz. In den Sechziger Jahren, während der bleiernen Diktatur von Francisco Franco, wandte sich Ibarrola demonstrativ gegen des Staates Übermacht und Unterdrückung. Er bekannte sich zur verbotenen Kommunistischen Partei und kam dafür jahrelang ins Gefängnis, wo er heimlich weiter malte und Vorlagen für Drucke schuf. In den Neunziger Jahren, als die Attentate der baskischen Separatistenorganisation ETA besonders dramatische Züge annahmen, machte sich Ibarrola in der Bewegung der ETA-Terroropfer für den Frieden stark. Seine antiterroristische Haltung führte dazu, dass ETA-Anhänger Frevel im bemalten Wald verübten. In Erinnerung an die Opfer des Terrorismus stiftete er diverse Skulpturen, während andere seine Werke boykottierten und spanische Galerien aus Angst vor Anschlägen Abstand von Ibarrola nahmen. Umso mehr erfüllte es ihn mit Genugtuung, dass er Aufnahme in Spaniens „Königliche Sammlung“ fand.

Die Grundidee zum bemalten Wald war denkbar einfach, wie Ibarrolas Frau Mariluz einst beim Interviewtermin auf den Punkt brachte: „Eines Tages gingen wir durch den Wald spazieren, und Agustín sagte: Diesen Wald werde ich bemalen!“ Nach Erlaubnis durch die örtlichen Waldbesitzer setzte er das Vorhaben im Vorläuferwald um. Ob er vorausgesehen habe, dass der Forst einmal Besucherströme anlocken werde? „Ja“, antwortete Ibarrola, der im Grunde sehr bescheiden war, „es waren wirkliche Neuerungen dabei, und ich vermutete, dass Leute kommen, die viel von Kunst verstehen, dies schätzen und sagen würden: Ja, das ist wichtig.“

Hommage an den Pointillismus. Foto von Andreas Drouve und Ana Drouve

Durch den bemalten Wald von Oma führt ein Rundweg von 1,5 Kilometern Länge. Stationen sind Ensembles wie „Der Kuss“ und „Nukleare Bedrohung“, faszinierend die Augen-Motive. Da fühlt man sich, als stünde man rundherum unter Beobachtung.

Informationen:
  • Lage, Anfahrt und Erkundung: Bosque de Oma, Valle de Oma, 48315 Kortezubi (Gemeinde); etwa zehn Kilometer nordöstlich von Gernika; die Anfahrt führt über die Landstraße BI-2238, dann Abzweig zum ausgeschilderten Parkplatz der Höhle von Santimamiñe (span.: Cueva de Santimamiñe). Dort ist Endstation. Nun muss man knapp drei Kilometer über einen breiten Forstweg bis zum Einstieg in den bemalten Wald zurücklegen, wofür man etwa 50 Minuten einplanen sollte. Der Rundgang durch den bemalten Wald erstreckt sich über 1,5 Kilometer. Dann geht man auf derselben Strecke zum Ausgangspunkt zurück
  • Website: bizkaia.eus/en/web/bosque-oma-basoa
  • Hinweis: Der Besuch erfordert eine Online-Reservierung, die bei Redaktionsschluss kostenlos war; Link über die vorgenannte Website. Weitere Infos unter Tel. +34 944 651657, E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.

Beitragsbild: Der bemalten Wald von Oma ein Geniestreich und eine einzigartige Symbiose aus Kunst und Natur. Foto von Andreas Drouve und Ana Drouve

Buchtipp: Baskenland - Spaniens Norden und Frankreichs Südwesten - ReiseMomente

50 Mikroabenteuer zum Entdecken und Genießen

Der wilde Atlantik mit Stränden, Klippen, Surfspots. Dazu Berge, Dörfer, Weingärten, eine Spitzengastronomie, avantgardistische Architektur. Kurz gesagt: Im Baskenland findet sich eine riesige Bandbreite an Facetten.

Das Baskenland gibt es gewissermaßen doppelt. Größer und bekannter ist die spanische Seite mit den Städten San Sebastián, Vitoria und Bilbao sowie dem dortigen Guggenheim-Museum. Deutlich kleiner ist der französische Teil mit Biarritz, dem Hafenstädtchen Saint-Jean-de-Luz und den Ausläufern der Pyrenäen. Daher liegt der Schwerpunkt dieses Reisebuches auf Spanien, das viel stärker den baskischen Charakter und die Traditionen bewahrt. Zudem stößt man dort auf eine sagenhafte Fülle von Highlights und Überraschungen, darunter ein bemalter Wald, ein Spitzenmuseum für Oldtimer, ein Salinengebiet und ein Heiligtum über der Küste. Die Mikroabenteuer setzen sich mit Fahrten im Boot und in der Standseilbahn fort – und bringen auf Wanderwegen in Naturparks auf Trab, bis hin zum Eselwandern.

Über den Autor: Andreas Drouve, Dr. phil., gebürtig aus dem Rheinland, lebt seit vielen Jahren als freier Reiseschriftsteller und Journalist in Nordspanien. Im Baskenland ist er fast jede Woche unterwegs und kennt die Region bis in die letzten versteckten Winkel. Bis heute begeistern ihn die Kontraste zwischen dem Tiefblau des Golfs von Biskaya und dem Sattgrün im Hinterland. Für Magazine, Zeitungen, Online-Publikationen und die Deutsche Presse-Agentur hat er zahllose Reisereportagen verfasst, außerdem über 130 Bücher für verschiedenste Verlage.

  • Taschenbuch: 256 Seiten, 246 Fotos, 8 Karten
  • Verlag: 360° medien
  • Auflage: 1. Auflage (Juni 2025)
  • Preis: 16,95 €
  • ISBN: 978-3-96855-564-5
  • Bestellmöglichkeit im Buchhandel oder über den Verlagsshop: 360grad-medienshop.de/rm-baskenland