Unterfranken: Bürgstadt - Burgund am Main
Unterfranken: Bürgstadt - Burgund am Main

19. März 2026

Unterfranken: Bürgstadt - Burgund am Main

Mehr Weinberge als Fachwerkhäuser und mehr Rot- als Weißweine: So könnte man das beschauliche, gut 4000 Einwohner zählende Bürgstadt am Main auf einen Nenner bringen. Kulturell-historisch ragt zudem die tausend Jahre alte Martinskapelle mit ihrer an die Kirchenwände gemalten Bilder-Bibel heraus.

In seiner Kindheit spielte er in den Weinbergen. In seiner Jugend wurden dort so manche Partys gefeiert. Und heute arbeitet er in seinen Weinbergen, an Churfrankens Steilhängen im Mainviereck: Sebastian Fürst ist, zusammen mit seinem Vater Paul, der Starwinzer der Region, in der die meisten Reben auf Terrassen und Buntsandsteinböden gedeihen. Was nicht jeder wissen mag: Dort wachsen zu zwei Drittel Rotweine. Und wenn jetzt einer sagt, dass man doch deutsche Rotweine sowieso vergessen könne, dem sei unbedingt ein Ausflug ins Mainviereck zum „Weingut Fürst“, aber auch zu anderen Winzern, wie „Neuberger“ oder „Sturm“, empfohlen, wo zwischen den dicht bewaldeten Hügeln von Spessart und Odenwald hervorragende Spätburgunder gedeihen, die mit so manchem Konkurrenten aus Frankreich auf Augenhöhe stehen. Sebastian freut sich: „Wir exportieren von unseren hochwertigen Weinen inzwischen jede zweite Flasche ins Ausland, nach Großbritannien, Kanada, Japan, China und sogar ins Burgund …“ Der 42-jährige Bürgstädter kann sich dabei ein Lächeln nicht verkneifen. Es hat wohl etwas von Eulen nach Athen tragen, aber: „Burgund liegt in Bürgstadt“, schrieb die „Welt am Sonntag“ anerkennend. Und Wein-Papst Hugh Johnson attestierte immerhin: „Die Spätburgunder gelten zu Recht als die feinsten in Deutschland“.

Paul Fürst im Weinkeller. Foto von Jochen Müssig

Paul Fürst, Senior-Chef des 1638 gegründeten „Weingut Fürst“ in Bürgstadt vor den Toren Miltenbergs, sagt: „Früher hatten hier alle einen Weinberg: der Schuster, der Lehrer, alle. Heute kann man Spitzenqualität nur noch mit Handwerk, Erfahrung, Passion und Terroir erzielen“. Und durch die Klimaerwärmung sind die Weinmacher nun in der Lage Spätburgunder von höchster Qualität zu erzeugen. Im Mainviereck wurden in den letzten Jahren 1,6 Grad mehr im Jahresmittel nachgewiesen. „Ansonsten ist es in den Weinbergen aber wie früher“, sagt Sebastian. Die Lage Centgrafenberg ist immer noch sein Lieblingsort und der Spätburgunder sein Lieblingstropfen.

Weinlese. Foto von Jochen Müssig

Auch Thomas Grün, der Bürgermeister von Bürgstadt, mag den Wein, der in seiner Gemeinde wächst, sein Lieblingsort ist allerdings die Martinskapelle. Sie ist mehr als tausend Jahre alt, von außen unscheinbar, aber innen ein wahres Geschichtsbuch: In der Bilder-Bibel werden auf insgesamt 40 Medaillons Szenen des Alten und Neuen Testaments dargestellt, von der Erschaffung der Erde über Adam und Eva, das Leben von Jesus bis zum Jüngsten Gericht. Sie wird auch Armen-Bibel genannt, weil die wichtigsten biblischen Szenen im Bild erfasst wurden. Die meisten Leute konnten einst ja weder lesen noch schreiben und die Priester predigten lateinisch. Erst Martin Luther begann, die Gottesdienste in deutsch abzuhalten.

Martinskapelle. Foto von Jochen Müssig

Noch älter ist der Ringwall auf dem Bürgstadter Berg. Die drei Kilometer lange Wallgraben-Anlage war wohl bereits in der Jungsteinzeit (um 3200 v. Chr.), der Bronzezeit (um 1000 v. Chr.) und der Eisenzeit (um 600 v. Chr.) besiedelt. In zwei Stunden ist man auf den 463 Meter hohen Bürgstadter Berg gewandert und wird von einem rekonstruierten Tor der Wallanlage empfangen. Auf dem Weg passiert man auch die schöne Centgrafenkapelle von 1630.

Rathaus. Foto von Kuebi Armin Kuebelbeck CC BY-SA 3.0

Zurück im Zentrum von Bürgstadt steht noch ein Besuch an Thomas Grüns Arbeitsplatz an, denn das Rathaus von 1592 ist ein Schmuckstück. Es war Stall, Markthalle, Gefängnis. Die meisten der Fenster und Türen sind noch original aus dem 16. Jahrhundert. Und im Sitzungssaal für die 16 Gemeinderäte und den Bürgermeister finden sich doppelt so viele Zuschauerplätze. „Am meisten interessieren sich unsere Bürger, wenn es um Investitionen, das Schwimmbad und die Vinothek geht“, sagt Thomas Grün. Die Vinothek ist ein gelungener Neubau vis-à-vis vom Rathaus, in dem man in Ruhe Wein und Secco aus Bürgstadt und Churfranken probieren kann. Rund hundert Positionen stehen zur Wahl.

Informationen:

Beitragsbild: Blick vom Weinberg. Foto von Jochen Müssig

Buchtipp: Unterfranken - HeimatMomente

50 Mikroabenteuer zum Entdecken und Genießen (Inkl. vier digitale Ausgaben des Reisemagazins "360° HeimatReisen")

Unterfranken gehört zu den attraktivsten Regionen in Deutschland. Es gibt Weltkultur und verträumte Dörfer, wunderbaren Wein, die besten Bratwürste. Und die Menschen sind so herrlich geradeheraus und bodenständig, gleichzeitig aber auch liebenswert und gastfreundlich. Doch nur die wenigsten in Deutschland wissen das. Manche kennen von Unterfranken nur Würzburg, vielleicht noch Bad Kissingen wegen der Kur oder Volkach wegen seines Weines. Der Autor führt aber auch zu versteckten Schlössern im Wald und zu fein getrimmten Rokoko-Gärten, zeigt natürlich die Weltkulturerbestadt Würzburg sowie die kleinste Stadt in Bayern, Rothenfels. Die hübsch herausgeputzten Weindörfer werden besucht, aber auch Obernburg: Dort steht eine Stadt auf ihrer Vorgängerstadt. Auf zwei Schichten. Das ist in dieser Form einzigartig.

Das touristische Angebot in Unterfranken, das auch Mainfranken oder Weinfranken genannt wird, ist voller Überraschungen und kulinarisch darf sich der Gast auf eine herzhaft-deftige Küche freuen. 50 Ziele in Unterfranken und noch mehr Erlebnisse: Lassen Sie sich überraschen von diesem so schönen und häufig noch unbekannten Unterfranken, das für jeden recht nah liegt: in der Mitte von Deutschland.

Über den Autor:
Jochen Müssig ist Unterfranke, geboren in Würzburg und zur Schule gegangen am dortigen Röntgen-Gymnasium und im Steigerwald. Er hat rund hundert Länder bereist und beschrieben, in der „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, „Die Welt“, „Süddeutsche Zeitung“, „Neue Zürcher Zeitung“ und in etwa 30 weiteren Medien im In- und Ausland sowie in zahlreichen Büchern. Bei 360° medien erschienen zuletzt „HeimatMomente München“, „ReiseMomente Gardasee“ und „Weltreise durch Deutschland“. Die Recherche für das Unterfranken-Buch war für ihn eine Zeitreise zurück in die Heimat.

Mit Kauf des Buches erhalten Sie zusätzlich einen Download-Code für vier digitale Ausgaben des Reisemagazins 360° HeimatReisen. Mehr Infos zum Magazin finden Sie unter 360grad-medienshop.de/Magazine/Heimatreisen

Bibliographische Angaben:

  • Taschenbuch: 288 Seiten, 242 Bilder, 12 Karten
  • Format: 16,5 x 11,5 cm
  • Verlag: 360° medien
  • Auflage: 1. Auflage (April 2023)
  • Preis: 16,95 €
  • ISBN: 978-3-96855-320-7
  • Bestellmöglichkeit im Buchhandel oder über den Verlagsshop: https://360grad-medienshop.de/hm-Unterfranken